Break Me. Again. ~ Prolog

Foto: Daniel Friesenecker / pixabay.com
Foto: Daniel Friesenecker / pixabay.com

Die dunkle Stimmung auf der Feier machte alles nur noch schlimmer. Diese ganzen schwarzen Stoffe wirkten alt und matt im glänzenden Licht der Sonne und der glänzende schwarze Stein aus Marmor blendete mich. Meine Eltern standen weiter rechts, eng umschlungen, und weinten und schluchzten, dass es mir immer schwerer fiel, keinen Ton über die Lippen zu bringen. Der Pfarrer sprach von Gott und davon, dass Marie nun im Paradies glücklich weiterleben würde. Der Name meiner Schwester wurde in gut lesbarer Schrift eingraviert und mein Blick hing an Mutters und Vaters Spruch.

Marie Jeanine Mai, geboren am 24. Dezember 1997 bis 05. November 2016

Du warst es wert, so sehr geliebt zu werden. Du bist es wert, dass so viel Traurigkeit geblieben ist an Deiner Stelle.

Meine Augen waren schon lange voller Tränen, ich versuchte so wenig wie möglich zu blinzeln und schluckte den Schmerz und den bitteren Geschmack auf meiner Zunge runter. Mir war kalt in der dünnen Weste und dem Seidenkleidchen, doch ich wollte es spüren. Ich wollte frieren, denn ohne meiner geliebte Schwester sollte mir nicht mehr warm werden. Der Pfarrer mit der Glatze nickte allen nochmals zu und trat dann in den Hintergrund. Ich wollte für sie beten, hoffen. Doch ich konnte Gott nicht verzeihen, dass er eine so lebensfrohe Person aus meinem Leben riss und mich allein zurück ließ. Mutter heulte immer noch und ich hätte ihr am Liebsten eine gescheuert. Sie sollte sich nicht so anstellen, schließlich war es ihre Schuld, ganz allein ihre. Marie wäre noch hier. Sie wäre noch bei mir. Tante Karissa kam auf mich zu und drückte meine Schulter. Angewidert schüttelte ich ihre perfekt manikürten und neonpink glänzenden Finger ab und trat auf Maries Grabstein zu. Ich hatte ihr einen Brief geschrieben, mehrmals. Genau siebenunddreißig und sechsunddreißig habe ich zerknüllt weggeworfen. Der Umschlag war weiß, cremefarben.

Jeder der sechs Angehörigen hielt eine kleine Rede, mich ausgeschlossen. Das gestellte Geheule meiner Tanten und Onkel wollte ich nicht hören, es hätte Marie gekränkt, so viel Gespieltes an ihrer Beerdigung zu hören. Auf der Toilette brach ich weinend zusammen und hasste mich dafür, nicht stark zu sein. Maries beste Freundin Monika hätte mich mit ausgestrecktem Zeigefinger ausgelacht und Maries Blick wäre anklagend und dennoch mitleidig gewesen. Monika kam nicht. Ich konnte ihre schöne blonde Mähne nicht mehr sehen, ihre Augen, die funkelten wie kostbare Diamanten. Tobias, der Junge, in den Marie verknallt gewesen war, zog mich auf, seitdem sie tot war. Er war Matthews bester Freund und Stiefbruder und ich konnte ihn auf den Tod nicht ausstehen. Dieses bleiche Gesicht mit den ungewaschenen roten Haaren und seinen gemein funkelnden braunen Augen. Tobias wusste, dass Marie ihn mochte – und es war ihm scheißegal. Ich machte mich mit Mutter und Vater auf den Weg nach Hause. Unser kleines Häuschen stand etwas abgelegen, nah am Friedhof, und jedes Zimmer war besetzt. Nun, es war besetzt gewesen. Inzwischen wurde aus ihrem Zimmer ein Büro für Vater und Mutter hatte dort alle Fotos aufgehängt, auf denen ihre älteste Tochter zu sehen war. Maries Zimmer sah ganz anders aus als meines. Ihr rosafarbenes Reich war mit vielen ockerfarbenen Möbeln abgestimmt und überall lagen entweder Schulhefte oder einige ihrer Kleidungsstücke rum. Meines hatte weiße Möbel, eine Wand war marineblau tapeziert und in der rechten Ecke hinten stand ein schwarzes Sofa. Unser Geschmack unterschied sich grundlegend. Ich achtete immer darauf, nicht zu viel Unordnung zu hinterlassen, wenn ich ins Bett ging und das einzige, was immer irgendwo lag, waren meine Bücher. Vor allem meine englischen Alice im Wunderland-Bände lagen in jeder Ecke.

Diese Beerdigung war inzwischen drei Monate her. Meine Freunde haben mich aufgegeben, ich lernte oder schrieb nur noch und hatte einen ‘Brief’-Freund. Momentan ging es mir noch schlechter, meine Eltern tranken. Mutters Harre lagen in einem matten Braun auf ihren Schultern und Vaters sonst so schönen blauen Augen wirkten glasig und leer.

[Fortsetzung folgt …]

5 commentaires sur “Break Me. Again. ~ Prolog

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    30. septembre 2016 à 18:55
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    Hast du wirklich wonderfull geschrieben! Bin auf die Fortsetzung gespannt!!!! :*

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    • Laura Irsch
      2. décembre 2016 à 14:44
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      Dankeschön, ‘GEORGIA’ Eifler. I’m gebing mir Mühe. 😉

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        3. décembre 2016 à 11:53
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        Super!! ?? toller Schreibstil. Die Geschichte erinnert mich an ein Buch welches ich mal gelesen hab

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        • Laura Irsch
          8. décembre 2016 à 21:02
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          Ah, ja? Freut mich, dass sie dir gefällt, Theo. Wir sehen uns. 🙂

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