Break Me. Again. ~ Kapitel 1

Break Me Again

Foto: Daniel Friesenecker / pixabay.com

Break Me. Again. – Eine Kalendergeschichte

Break Me. Again. ~ Prolog

“Guck’ mal da hinten. Die, die so komisch aussieht. Das ist die kleine Schwester von Marie, du weißt schon…”

“Sieh dir nur mal ihre Klamotten an. Richtig hässlich, das Zeug.”

Die Gesprächsfetzen zischten nur so an mir vorbei. Mein Blick war auf meine Schuhe gerichtet, gelegentlich sah ich nach oben. Schülermassen drängten sich durch die Grüppchen, welche sich anscheinend mitten auf dem Flur über ihren neuen Nagellack beschweren mussten. Aber das interessierte mich nicht. Zumindest nicht mehr. Die Stoffhenkel meines zerfetzten Rucksacks drückten mir aufs Schulterblatt, mein Oberkörper beugte sich nach vorne. Hier und da wurde ich von rechts nach links und wieder zurück geschubst, aber das machte mir nichts aus. Im Gehen blickte ich auf die Nummern an den Spinden. 098, 112. Noch ein paar Schritte und ich würde an meinem ankommen. 137 war meine Zahl. Ich drehte das Schloss. Dreimal, viermal. Beim fünften Anlauf sprang es auf und ich öffnete entnervt die blassgraue Tür. Ein paar Hefte lagen darin, das Französischbuch. Zwei Drittel des kleinen Raumes quoll fast über vor Büchern. Montags las ich einen Krimi von Paula Hawkins, dienstags das dünne von diesem komischem Typ mit der hässlichen Ausdrucksweise, mittwochs einen dieser angesagten Jugendromane – irgendwas mit Hoover – und den Rest der Woche verbrachte ich in der kleinen Grotte in der Nähe der Baustelle. Meine Mutter (sie hieß Regina) bemerkte es nicht mal mehr, wenn ich nicht zu Hause war. Ob ich das gut finden sollte, wusste ich nicht. Sie saß nur noch in ihrem Bett, den Fernseher laut gestellt und durchgehend irgendwelche sinnlosen Sendungen am Angucken. Steffen, mein Vater, war Lkw-Fahrer und als ich klein war, nahm er mich manchmal mit. Wir hörten uns diese uralten Radio-Hits aus den Achtzigern an und sangen schief irgendwelche Texte nach. Wenn ich so darüber nachdenke, war das die schönste Zeit bisher. Viele Liedtexte kann ich jetzt noch auswendig. ‘Crazy’ beispielsweise. Und genau diesen Titel trug das Buch, welches zwischen meinen Fingern klemmte.

“Hey, Anne!” Ich wurde gerufen und drehte mich abrupt um. Monika.

“Hallo, Monika”, sagte ich und versuchte mich an einem Lächeln. Strahlend kam sie auf mich zu und umarmte mich sobald sie mich erreicht hatte. Unbeholfen legte ich meine Arme um sie.

“Meine Güte, Anne! Was hast du denn da an? Ich habe dir doch angeboten, dass du dir ein paar Klamotten borgen könntest. Komm doch einfach mit zu mir. Wie wär’s mit heute?”, plapperte sie drauf los.

“Ich weiß nicht, Monika…”, murmelte ich.

“Schon klar, Anne. Aber du weißt, dass du nicht die einzige bist, die unter Maries Verlust leidet. Ich habe jede Nacht Alpträume.” Betreten schwieg ich. Sie hatte recht, ich war nicht die einzige, welche schlecht mit ihrem Tod klarkam.

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